Freitagspredigt 28.03.2014

Verehrte Muslime,
der Islam legt uns stets nahe, in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen tolerant und vergebend zu sein. Tolerant sein bedeutet hier, etwas mit Verständnis zu begegnen und auszuhalten. Vergeben bedeutet, anderen Menschen eine ungerechte Handlung zu vergeben, obwohl man stark genug ist, sich dem entgegen zu setzen. Dies mag dem Menschen sicher schwer fallen, doch gehört dies laut Koran zu den Eigenschaften gottesfürchtiger Menschen (muttaqīn) und zu den Handlungen, mit denen sich der Mensch das Paradies einhandelt.


Verehrte Geschwister,
der Islam, der das Wohl der Menschen auf Erden wie später im Jenseits bezweckt, rät uns für Frieden und Eintracht in der Gesellschaft zu Toleranz und Brüderlichkeit. Er rät uns ferner dazu, die Fehler unserer Mitmenschen zu vergeben. Der Prophet der Barmherzigkeit, Muhammed (saw), als er die Einwohner von Taif zum Islam einlud, hatten diese ihn schwer beleidigt und gedemütigt. Und selbst als sie ihn mit Steinen bewarfen und verletzt hatten, kamen nur folgende Worte über seine Lippen: „O Allah, vergib meinem Volk, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ [1]

Ein weiteres Beispiel aus dem Leben unseres Propheten, der gesandt wurde als Barmherzigkeit für die Welten, sehen wir bei der Eroberung von Mekka. Gleich nach der Einnahme der Stadt versammelten sich die Einwohner um die Kaaba und warteten völlig verschreckt ab, wie der Prophet (saw) mit ihnen verfahren würde. Seit dem ersten Tag, da der Prophet (saw) die Menschen zum Islam einlud, hatten sie ihm alle mögliche Pein angetan und sogar nach seinem Hab und Gut und nach seinem Leben getrachtet. Jetzt würde er sich bestimmt rächen für all die Qualen, die sie ihm in der Vergangenheit angetan hatten. Doch er, der Prophet der Barmherzigkeit, er richtete sich an sie mit diesen Worten: „Ich sage dasselbe zu euch wie der Prophet Josef: ‚Heute sollt ihr nicht getadelt werden, Allah möge euch vergeben. Er ist der barmherzigste der Barmherzigen.‘ Ihr könnt gehen, ihr seid alle frei.“ Dies war sicher das schönste Beispiel für Vergebung. Denn vergeben bedeutet, Rache- und Hassgefühle beiseite zu legen. Vergeben bedeutet, abzusehen von Feindschaft und Rache. Vergeben bedeutet, sein Herz von Wut und feindlichen Gefühlen zu reinigen.

Verehrte Geschwister,
Vergebung zeugt von der Liebe im Menschen, von seiner Barmherzigkeit, von seiner Geduld und schließlich von seiner Ethik, der Ethik, die Allah uns nahelegt. Gläubige, sie empfinden Barmher-zigkeit füreinander und sind tolerant miteinander. Sie vergeben einander ihre Fehler. Wenn uns eine Ungerechtigkeit widerfährt oder eine Unverschämtheit, müssen wir dies vergeben, statt auf dieselbe Art zu antworten. Wie sehr brauchen wir in der heutigen Zeit, in der sich die Menschen immer weniger verstehen und unterschiedliche Meinungen nicht akzeptieren können, wieder diese Toleranz. Wir sollten alle stärker beherzigen, was Gottesfreunde zum Ausdruck bringen, deren Herzen mit Liebe zum Menschen gefüllt sind: Das Geschöpf zu lieben um des Schöpfers willen. Unsere Unterschiedlichkeit in Sprache, Herkunft, Hautfarbe, unsere unterschiedlichen Meinungen als Vielfalt und damit als Bereicherung betrachten, damit wir alle gemeinsam Wege suchen, um in Brüderlichkeit miteinander zu leben.

Vergebung, niemanden zu verletzen, seine Wut zu unterdrücken, unsere Familie und unsere Kinder mit Liebe und Barmherzigkeit zu behandeln, das ist es, was uns obliegt. Wir müssen uns alle nach der Toleranz und nach den Ratschlägen unseres Propheten (saw) richten. Denn er riet uns: „Vergib demjenigen, der dir Unrecht tut. Geh du auf denjenigen zu, der nicht mehr mit dir spricht. Tue Gutes demjenigen, der dir Böses angetan hat. Uns selbst wenn es zu deinem Nachteil ist, sprich die Wahrheit.“ [2]

Die heutige Ansprache möchte ich beenden mit einem Gebet des Propheten der Barmherzigkeit: ”O Allah, Du bist der reichlich Vergebende, so vergib auch uns.” [3] Wie glücklich muss sich doch ein Mensch, nach alledem, was wir hier angeführt haben, fühlen, der dies auch umsetzen und vergeben kann. Frohe Kunde sei denjenigen, die ihre Wur besiegen und vergeben.


[1] Buchārī, Anbiya, 54.                                                                     
[2]  al-Kutub as-Sitta, 16/317.                                                    
[3] Tirmizī, Da’awāt 89. 


Ali AYLANÇ                                                                          
Religionsbeauftragter der Koca Sinan Moschee in Berlin

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